Guter Sexismus, schlechter Sexismus – und was hat das alles mit Rassismus zu tun?

Seit der Silvesternacht 2015 gibt es in Deutschland einen neuen Sexismus-Diskurs. Generell ist es für uns ein wünschenswerter Fortschritt, dass die Strukturen, die zu sexualisierter Gewalt führen nicht nur Beachtung in der breiten Öffentlichkeit finden, sondern auch problematisiert werden. So musste Justizminister Heiko Maas nun endlich der Umsetzung der Istanbuler Konvention zustimmen.Aber mehr Positives kann von der derzeitigen Auseinandersetzung in unseren Augen leider nicht berichtet werden.
Denn die Auseinandersetzungen mit dem Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt strotzen nicht nur von Sexismus, sondern auch von Rassismus. Dies ist ein Zustand und ein Diskurs auf allen Ebenen, der uns zunächst sprachlos macht. Der vorliegende Text stellt einen Versuch dar, sich von dieser Sprachlosigkeit zu lösen und einen Ansatz für eine kritische Auseinandersetzung zu schaffen.

Rassismus und Sexismus sind weit verbreitete Herrschafts- und Diskriminierungsmechanismen, die uns in unserem alltäglichem Leben, Denken und Handeln konfrontieren und beeinflussen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Autorinnen aus einer weiblichen Perspektive mit sexistischen Erfahrungen verschiedener Art schreiben. Allerdings beschränken sich Erfahrungen rassistischer Art aus einer weißen* Perspekive der Autorinnen nur auf eine Beobachter*innenposition.
Wir verurteilen Sexismus, Street Harassment und sexualisierte Gewalt aufs Schärfste, dabei ist es egal von wem gegen wen. Eine Relativierung der Taten ist ebenfalls nicht hinzunehmen. Dies passiert zum Teil auch in „linken Strukturen“, ob durch „witzige“ Bildchen linker Gruppen auf Facebook oder durch dumme Sprüche von Einzelpersonen.

Schlechter Sexismus? Guter Sexismus?

Es ist ganz einfach: Es gibt keinen „guten“ Sexismus. Wenn ein Mann einer Frau sagt, sie solle seinen Spruch über ihr Aussehen doch als Kompliment sehen, dann ist es Sexismus. Wenn ein Mann an einer Frau gegen ihren Willen (sexuelle) Handlungen ausübt, dann ist es Sexismus. Wenn in linken Kontexten ein erstauntes „Voll cool, dass du – als Frau! – bei der Demo die erste Reihe machst!“ kommt, dann ist es Sexismus. Wenn ein Mann nach drei Dates der Meinung ist, jetzt „doch mal rangelassen werden zu müssen“, dann ist es Sexismus. Wenn die Lehrer*innen den Mädchen der Schule sagen, sie sollen sich nicht so aufreizend kleiden, weil es sonst männliche Mitschüler oder Personal irritiert, dann ist es Sexismus.Wenn ein Mann nach dem Mottto „Wer ficken will muss freundlich sein“ rumheult, dass er „nur“ in der „Friendzone“ ist, dann ist es Sexismus. Wenn ein Mann einer Frau die Wasserkiste aus der Hand nimmt, um sie ins Haus zu tragen, weil er ihr diesen Kraftakt – als Frau – nicht zutraut, dann ist es Sexismus. Wenn deutsche Männer „ihre“ Frauen vor Übergriffen nicht-deutscher Beschützen wollen, dann ist es Sexismus. Aber es ist ja alles nur gut gemeint. Aber was haben wir schon als Kinder gelernt? Gut gemeint ist der kleine Bruder von Scheiße!

Warum dann „guter Sexismus“ im Titel, wenn es ihn doch gar nicht gibt? Weil derzeit in der deutschen Öffentlichkeit ein schlechter Sexismus im Diskurs steht. Es ist der Sexismus, der von „nicht-deutschen Männern“ (aus „nicht-deutschen Kulturen“ mit „nicht-deutschen Werten“) ausgeht, vor dem deutsche Frauen geschützt werden müssten. Von deutschen Männern, natürlich.
Dabei sollte klar sein, dass Sexismus immer schlecht ist. „Guter Sexismus“ ist dabei kein Sexismus in den Augen der Verursacher. Er zeigt sich jedoch beispielsweise darin, wenn der Focus auf seiner Titelseite sexualisierte Übergriffe anprangert. Dort wird durch die erotisierte Darstellung einer Frau in der Opferrolle, blondes Haar, leicht lasziv geöffnetem Mund und Objektivierung des Körpers selbst Sexismus produziert und reproduziert. Durch die ausschließlich schwarzen Handabdrücke auf dem Körper der Frau liefert der Focus ein gutes Beispiel für die Verzahnung von Sexismus und Rassismus.
Das Magazin schafft es hier durch eine sexistische Darstellung mit rassistischen Schuldzuweisungen den Sexismus anzuprangern, den es aus einer rassistischen Haltung heraus ausmacht. Klingt absurd, ist es auch. Und dies ist nur ein Beispiel.

Ein lokales Beispiel findet sich in der „NordWestZeitung“ vom 16.01.2016. Dort problematisiert eine Polizeibeamtin Sexismus. Dies tut sie jedoch durch die Re_produktion rassistischer Stereotype, indem sie Sexismus bei „junge[n] ausländische[n] Männer[n]“ ausmacht, die „allein schon wegen ihres Alters einen Testosteronüberschuss haben“ und die „ zum Teil aus Ländern [kommen], in denen sie außer ihrer Mutter noch keine unverschleierte Frau gesehen hätten.“ Auch hier sind sexistische Muster zu finden, da die Polizeibeamtin eine eindeutige Selbst- bzw. Teilschuld bei nicht selbstbewussten Frauen ausmacht. Dies lässt zumindest der Umkehrschluss der Aussage „Das ist eine Frage des Auftretens. Ich persönlich sehe mich nicht in der Opferrolle“ zu.
Es gibt zahlreiche weitere Beispiele in der lokalen und überregionalen Berichterstattung über sexualisierte Übergriffe. Erwähnenswert ist besonders ein weiterer Artikel der NWZ vom 11.01.2016. Hier kommt die Frage auf, warum es wichtig sei, die Nationalitäten der Täter zu nennen. Und vor allem wie der Schreiber auf die Idee kommt, die Geflüchtetenunterkunft namentlich zu erwähnen, in der einer der Täter untergebracht ist. Was für Konsequenzen so etwas haben kann sollte ein Journalist bedenken.

Wer sind denn nun die Täter?

Wie bereits erwähnt sind es rassistische Täterprofile, welche in der Öffentlichkeit und in sozialen Netzwerken ausgemacht werden. Wenn einer der Täter nicht deutscher Staatsangehörigkeit ist, findet es meist auf allen Kanälen Erwähnung. Die Beschreibung der Täter in Köln in der Silvesternacht schien mit „nordafrikanisch oder arabisch“ so schwammig, dass es fast lächerlich wäre, wäre es nicht so traurig. Auch Aussagen wie die der Polizeibeamtin aus Oldenburg über die „jungen, ausländischen Männer“ werden unkommentiert und kritiklos abgedruckt. Diese derzeitige Stimmung machen sich viele Menschen zu Nutze. Populistische und rassistische Gruppen und Einzelpersonen geben den Fingerzeig auf etwas, wovor sie angeblich immer gewarnt hätten: dem übergriffigen, triebgesteuerten Fremden aus dem Ausland.
Es zeigt sich jedoch, dass es den Nazis, Rassist*innen, „besorgten Bürger*innen“ und Populist*innen, die jetzt aufschreien, nicht wirklich um den Schutz von Frauen oder einen besseren Umgang mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt in Justiz, Öffentlichkeit und auch Privatleben geht (was wünschenswert wäre). Es findet in diesen Kreisen keine ehrliche Auseinandersetzung mit den Mechanismen, die sexualisierte Gewalt hervorbringen, begünstigen und die Täter schützen, statt.

Deshalb hier noch ein kleiner Zahlen-Exkurs:
Jede 7. Frau ab dem 16. Lebensjahr wurde mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt.
Jede/s 3. bis 4. Mädchen/ Frau hat in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erfahren.
Mehr als jede 2. Frau (58%) im Alter zwischen 16 und 85 Jahren hat in ihrem Leben bisher sexuelle Belästigung erlebt.
98% der Täter sind männlich.
Meist ist die Tat geplant.
Sowohl die Betroffenen, als auch die Täter stammen aus allen (Bildungs-)Schichten – dieser Faktor spielt keine Rolle.
70-80% der Täter stammen aus dem sozialen Nahbereich der Betroffenen (Vater, Onkel, Nachbar, Lehrer, Freunde, Partner etc.).

Diese oder ähnliche Zahlen sind allen bekannt, die sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt je auseinander gesetzt haben. Diese Zahlen sind wichtig, um hartnäckige Lügen und Mythen zu enttarnen, die dennoch stark in den Köpfen der Leute verankert sind.
Diese Vorstellungen und Mythen sind auf vielen Ebenen problematisch und zeigen auch, wie der Umgang mit Sexismus und Rassismus zusammen hängt.
Angesichts der Zahlen erscheint es natürlich sinnvoll, wenn wir Mädchen und Frauen warnen und ihnen sagen, sie sollen vorsichtig sein. Diese Warnungen zeigen jedoch bereits die Wirkungsweisen sexistischer (und wie wir später sehen: rassistischer) Mechanismen. So wird Mädchen bspw. gesagt, sie sollen nachts nicht durch dunkle Gassen gehen (Umkehrschluss: passiert in einer solchen Gasse doch etwas, haben sie zumindest eine Teilschuld, da sie diese Warnung nicht umgesetzt haben). Sie sollten sich nicht zu aufreizend kleiden (Umkehrschluss: passiert ihnen etwas, sind sie zumindest zum Teil selbst Schuld, da ihnen ja vorher schon gesagt wurde, dass solch ein Outfit provoziere). Niemand kommt allerdings auf die Idee, Jungs zu sagen, dass das Outfit eines Mädchens keine Provokation sondern ihr gutes Recht ist. Die Frau erfährt nicht sexualisierte Gewalt, weil sie einen zu knappen Rock trägt, sie erfährt diese Gewalt, weil sie eine Frau ist.
Auf einer anderen Ebene problematisch erscheint diese Umgangsweise mit sexualisierter Gewalt (-Prävention) bei der Betrachtung der Täter. Diese stammen zum Großteil aus dem sozialen Nahbereich der Betroffenen. Eine Auseinandersetzung damit, dass eine Person im engeren Freundes- oder Familienkreis zu so einer Tat fähig sein kann, ist erschütternd und für viele Menschen nicht vorstellbar. Es ist allerdings Tatsache, dass diese Menschen eine größere Gefahr darstellen als der Triebtäter, der nachts im Park auf die nächste zufällig vorbei gehende Frau lauert.
Die Vorstellung vom Triebtäter hält sich jedoch hartnäckig und begünstigt so auch rassistische Vorstellungen. Denn der Triebtäter ist der Fremde. Und der Fremde ist häufig eine Person, die mit rassistischen Denkmustern in einer nicht-deutschen Person gesehen wird.

Die rassistische Antisexismusfront

Die Amadeu Antonio Stiftung drückt es so aus: „Statt über Schutzkonzepte für Opfer und über deren Situation nachzudenken, wurde die Diskussion mit rassistischen Bildern aufgeladen“
Seit der Silvesternacht haben sich vermehrt in ganz Deutschland selbsternannte „Bügerwehren“ gegründet. Auch in Oldenburg gibt es mindestens 3 verschiedene Gruppen, die sich den Schutz „deutscher Straßen“ auf die Fahne geschrieben haben. Es ist ein beunruhigender Trend, der sich da auftut. Das Phänomen der „Bürgerwehr“ ist nicht neu, allerdings in diesem Ausmaße schon. Die Facebook-Gruppen lesen sich hier auch wieder einmal nicht nur stark rassistisch, sondern auch sexistisch.
Bereits Anfang des Jahres gab es von einer Politikerin der Partei „die Linke“ aus Thüringen eine parlamentarische Anfrage, wonach mindestens 7 „Bürgerwehren“ bundesweit „Anhaltspunkte für eine rechtsextremistische Ausrichtung“ hätten. Daraufhin räumte die Bundesregierung schon selbst ein, dass diese Aufzählung nicht vollständig sei. Ein Blick in die Mitgliederlisten der Facebook- „Bürgerwehren“ zeigt, dass es nicht nur ein Verdacht, sondern eine Tatsache ist. Neben „besorgten Bürger*innen“ treffen hier Menschen aufeinander, die in Parteien wie der NPD oder der AfD verortet sind, in neonazistischen Kameradschaftszusammenhängen auffielen, oder bekannte Neonazis oder Hooligans sind. Der Grund für ihr Interesse an „Bürgerwehren“ stellt hierbei eindeutig eine Instrumentalisierung von sexistischen oder gewalttätigen Vorfällen für ihren Rassismus, für Populismus und Agitation dar.
Wir finden es wichtig, dass wir Diskussionen über Sexismus, sexualisierte Gewalt und unseren Umgang damit führen. Aber in einer solchen Diskussion darf Rassismus keinen Platz haben. Lasst uns die Rassist*innen, die als „Antisexismusfront“ auftreten, entlarven und ihnen keinen Raum geben.

Weiterführende Literatur:

Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung: Das Bild des „übergriffigen Fremden“. Warum ist es ein Mythos? Wenn mit Lügen über sexualisierte Gewalt Hass geschürt wird.

Not Getting it: Sexuelle Gewalt als gesellschaftlich-strukturelles Problem

Studie der Bundeminesteriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland

Buch: antissexismus_reloaded. Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt – ein Handbuch für die antisexistische Praxis. UNRAST Verlag